Gebrauchstexte  Literatur

 

Ich verfasse und lektoriere Texte im Sozial- und Gesundheitswesen für Sie.

 

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Nach Absolvierung der Leondinger Akademie für Literatur im Jahr 2017/2018 bin ich derzeit auf der Suche nach einem Verlag für meinen ersten Roman.

 

Pfingstneurose

 

Die Amsel hatte die Mitte verlassen und positionierte sich seitlich links im Nest. Das konnte wohl nur bedeuten, dass die Vögel zu schlüpfen begannen. Magdalena blickte starr durch das Fenster. Es war fünf Uhr morgens, ihre Nachtwache hatte sich ausgezahlt. Ihr war gestattet, bei der Geburt dabei zu sein. Ein kostbarer Moment, vergleichbar dem letzten Atemzug eines Menschen im Bergblick. Nach dem Sterben kehrte allerdings eine unvergleichliche Stille ein, friedlichere Augenblicke waren ihr bislang nicht widerfahren. Alles ruhig, alles gut, die Seele des verstorbenen Menschen entschwindet zurück zum Ursprung.

 

 

Sie öffnete die Balkontür und blickte der Vogelmutter tief in die Augen. „Es ist so weit, oder?“, sagte sie. Das Vogelmännchen hatte sich auf den Handlauf des Balkons gesetzt. Sein Reviergesang erfüllte Magdalenas Wohnhaus und die Häuserfronten in der Straße. Für eine kurze Zeit war ausschließlich sein Zwitschern zu hören, der Mond ließ die Dämmerung gewähren. Magdalena hatte während ihrer Ausbildung ein Praktikum auf einer Geburtenstation absolviert. Auch wenn das schon etliche Jahre zurück lag, wusste sie, dass der Zeitpunkt der Geburt exakt festgehalten wurde. Demnach stieg sie vorsichtig auf die Bank und näherte sich dem Nest.

 

 

Ein Zivildiener half Josef aus dem Auto. Einen angebotenen Rollstuhl hatte er verweigert, er wollte aufrecht Abschied nehmen von seiner Anna, Größe zeigen, ein letztes Mal da sein.

 

 

Ein kleines nacktes Vögelchen sah Magdalena inmitten der drei anderen noch unversehrten Eier und es bewegte sich. Fünf Uhr und sechs Minuten würde sie in ihr Notizbuch einschreiben.

 

 

Für Susannes Kinder war es die erste Urnenbeisetzung ihres Lebens. Tante Anna hatten sie selten gesehen. Nur manchmal kam sie vorbei und hatte Gummibären und Schokolade mit. In der Aufbahrungshalle waren einige Stühle vorbereitet. Josef blieb stehen, trotz Aufforderung seiner älteren Tochter, doch Platz zu nehmen. Rechts neben der Urne stand sein Kranz mit weißen Rosen, auf der schwarzen Schleife stand in goldener Schrift „In Liebe, dein Vater Josef“. Von Magdalena und ihrem Mann war gleich daneben ein prächtiges Bouquet mit rosaroten Pfingstrosen, Annas Lieblingsblumen. Etwa fünfzig Menschen waren gekommen und bezeugten Josef und dem Rest der Familie ihr Beileid. Etliche von ihnen erkannte Josef nicht, was zwei Ursachen geschuldet war. Einerseits wurde seine Sehkraft zunehmend schlechter, andererseits hatte Anna zurückgezogen gelebt. Er kannte nur ihre Freunde aus Jugendtagen. Bärbel aus dem Nachbarhaus hatte ihm zuerst die Hand gedrückt und sie ihm dann noch eine Weile gestreichelt...